
Das Licht der Schminkspiegel ließ die Falten in Marthas Gesicht weicher erscheinen, als sie waren. Sie strich das glitzernde Galakleid glatt und betrachtete sich im Spiegel. Heute Abend würde Payne City ihr zuhören. Hunderte Menschen würden ihren Namen kennen, ihre Stimme hören und sich noch lange an diesen Auftritt erinnern.
Genau so sollte es sein.
Trotzdem zitterten ihre Finger, als sie den Schmuck zurechtrückte. Seit der Begegnung im Washboard hatte sie den Hoodiemann nicht mehr gesehen. Sie hatte ihn angeschossen, natürlich in Notwehr. Der junge Mann mit dem Tattoo im Gesicht war verschwunden. Kein Lebenszeichen, keine Drohung, nichts.
Eigentlich hätte sie erleichtert sein müssen.
Aus dem Konzertsaal drang gedämpftes Stimmengewirr. Jemand lachte auf dem Gang. Martha atmete tief durch und zwang sich zu einem Lächeln.
Sie würde sich nicht verstecken. Nicht heute. Nicht nach allem, was sie durchgemacht hatte.
Schließlich war es ihr Abend und niemand würde sie je wieder vergessen.

Hinter der Bühne roch es nach Staub, Schminke und heißem Metall. Coach Callahan stand neben einem Stapel Bühnenrequisiten und beobachtete die Zugänge. Er hatte schon genug Schlägereien erlebt, um zu wissen, dass Ärger selten dort begann, wo man ihn erwartete. Trotzdem vertraute er auf seine Reflexe. Wenn der Hoodiemann auftauchte, würde er ihn diesmal nicht entkommen lassen. Neben ihm überprüfte Ricardo Montoya den Sitz seiner Kleidung. Callahan fragte sich, ob der Tanzlehrer ebenso angespannt war wie er selbst. Ricardo wirkte ruhig, doch seine Augen wanderten ständig über die Bewegungen der Bühnenarbeiter. Vielleicht war das der Vorteil eines Tänzers: Man lernte, jede noch so kleine Unregelmäßigkeit wahrzunehmen.
Montoya hatte gelernt, dass jede Aufführung einem unsichtbaren Rhythmus folgte. Wer ihn verstand, konnte vorhersehen, was als Nächstes geschah. Heute jedoch schien der Rhythmus des Konzerthauses aus dem Takt geraten zu sein. Hinter dem Vorhang herrschte geschäftiges Treiben, aber zwischen den Menschen lag eine kaum greifbare Nervosität. Ricardo beobachtete Callahan, der sich mit verschränkten Armen vor einem Seiteneingang postiert hatte. Der Coach war ein Mann, der Probleme am liebsten mit den Fäusten löste. Ricardo hoffte, dass es heute nicht so weit kommen würde. Er dachte an Jonny Static, der sich mit Mrs. Sullivan in der Garderobe aufhielt. Der Junge hatte schon genug Schwierigkeiten erlebt. Hoffentlich musste er heute nicht auch noch in Gefahr geraten.
Zwischen Kostümständern und Schminkspiegeln versuchte Jonny, möglichst unauffällig zu sein. Er kannte das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Die teuren Kleider, die geschäftigen Assistenten und die sorgfältig arrangierten Kosmetika erinnerten ihn daran, wie weit seine eigene Welt von dieser entfernt war. Gleichzeitig war seine Erfahrung mit den Schattenseiten der Stadt vielleicht nützlicher als all der Glanz. Er wusste, wie man unauffällig blieb und wie Menschen sich verhielten, wenn sie etwas zu verbergen hatten. Mrs. Sullivan stand in der Nähe der Tür. Jonny fragte sich, ob sie wirklich glaubte, dass Martha in Sicherheit war. Die ältere Frau wirkte so gefasst, dass auch Jonny sich einigermaßen beruhigte.
Mrs. Sullivan hatte sich vorgenommen, den Abend zu genießen, doch ihre Aufmerksamkeit kehrte immer wieder zu Martha zurück. Sie kannte die Sängerin aus der Gemeinde und wollte daran glauben, dass ihr Auftritt ein Neuanfang sein könnte. Trotzdem ließ sie die Tür nicht aus den Augen. Seit dem Vorfall im Washboard erschien ihr die Welt weniger verlässlich als zuvor. Vielleicht war es nur die Sorge um Martha, die sie so unruhig machte. Vielleicht aber auch das Gefühl, dass die Ereignisse der letzten Tage noch lange nicht vorbei waren. Aus dem Saal drang Applaus, als die Techniker eine Lichtprobe beendeten. Mrs. Sullivan dachte an Ian McCullen und hoffte, dass der Handyman draußen alles im Blick hatte.
Bei der Bar betrachtete Ian die Umgebung mit dem prüfenden Blick eines Mannes, der es gewohnt war, Dinge zu reparieren, bevor sie endgültig kaputtgingen. Er kontrollierte Kabelverläufe, suchte nach ungesicherten Türen und bemerkte einen wackelnden Barhocker, den er beinahe automatisch zurechtrückte. Alles schien in Ordnung. Doch gerade das machte ihn misstrauisch. Die Nachbarschaftswache war wegen eines Mannes hier, der bereits bewiesen hatte, dass er schwer zu fassen war. Ian wollte vorbereitet sein, falls aus einer scheinbar harmlosen Veranstaltung plötzlich ein Notfall wurde. Neben ihm beobachtete Andy McHollow das Publikum. Ian fragte sich, ob der Besitzer des Skunks dieselbe Unruhe verspürte und einfach nur versuchte, gelassen auszusehen.
Andy hatte schon viele merkwürdige Situationen erlebt, aber eine Konzertveranstaltung gehörte normalerweise nicht dazu. Er musterte die Gäste, die ihre Plätze suchten, sich begrüßten und über Belanglosigkeiten plauderten. Es war seltsam, wie normal alles wirkte, wenn man wusste, dass irgendwo in der Stadt ein gefährlicher Mann unterwegs war. Andy fragte sich, ob der Hoodiemann überhaupt kommen würde. Vielleicht hatten sie sich alle umsonst verteilt. Trotzdem blieb sein Blick wachsam. Ian schien mit den technischen Gegebenheiten zufrieden, also konzentrierte sich Andy auf die Menschen. Einer von ihnen könnte sich auffällig verhalten. Oder auch nicht. Von hier unten konnte er kaum die oberen Ränge erkennen, wo Callum Campbell seine Kamera in Stellung brachte.
Durch den Sucher seiner Kamera wirkte das Konzerthaus wie ein Schlachtfeld vor dem ersten Schuss. Callum Campbell hatte sich auf den oberen Rängen gegenüber der Bühne einen Platz gesucht, von dem aus er sowohl den Bühnenzugang als auch große Teile des Publikums überblicken konnte. Er betrachtete die Menschen nicht als Menge, sondern als einzelne Gesichter, jedes mit seiner eigenen Geschichte. Im Krieg hatte er gelernt, dass der entscheidende Moment selten dann kam, wenn man ihn erwartete. Man musste bereit sein, bevor man wusste, wonach man suchte. Er stellte die Schärfe ein und ließ den Blick über die Bühne wandern. Dort wartete Martha Ellis auf ihren Auftritt. Für einen kurzen Augenblick sah sie aus wie jemand, der nichts auf der Welt zu fürchten hatte. Dann hob Callum die Kamera ein wenig höher und wartete.

Der Applaus schwoll an, als Martha Ellis die Bühne betrat. Im Scheinwerferlicht funkelte ihr Galakleid wie ein Sternenhimmel. Coach Callahan beobachtete sie nur flüchtig. Seine Aufmerksamkeit galt den Seiteneingängen und den dunklen Zwischenräumen hinter den Kulissen. Dann bemerkte er eine Bewegung neben sich.
Ein junger Mann stand plötzlich direkt neben ihm. Weißer Hoodie, gesenkter Kopf, das große unsägliche Tattoo, das sich über die Augenpartie zog. Der Hoodiemann.
Callahan hatte keine Zeit, sich zu fragen, wie er unbemerkt hierhergekommen war. Der Eindringling war nur eine Armlänge entfernt. Callahans Körper reagierte schneller als seine Gedanken. Er drehte die Schulter ein, ballte die Faust und holte aus, um den Mann niederzustrecken.
Doch der Schlag traf nie sein Ziel.
Die Luft erstarrte. Das Rascheln des Vorhangs verstummte. Selbst das Licht schien reglos in der Dunkelheit zu hängen. Die Welt im Saal verstummte.

Callahans Faust schwebt in der Luft. Ein Staubkorn hängt reglos im Licht. Der Vorhang bewegt sich nicht mehr. Aus dem Konzertsaal dringt kein Laut. Nur die Mitglieder der Nachbarschaftswache scheinen noch bei Bewusstsein zu sein.
Martha steht auf der Bühne, doch ihr Gesicht wirkt fremd. Sie singt. Ihre Stimme erfüllt den Saal, obwohl kein Ton die Ohren der Wache erreicht. Die Worte sind trotzdem da, unausweichlich, direkt in ihren Köpfen: Rache. Vergeltung. Ein Name, der niemals vergessen werden darf.
In den Rängen beginnen Menschen zu zucken. Hände greifen an Brustkörbe, Münder öffnen sich zu stummen Schreien. Ein Mann kippt über die Sitzreihe vor ihm. Eine Frau bricht neben ihrem Begleiter zusammen.
Callum blickt durch den Sucher seiner Kamera. Jonny sucht nach einem Fluchtweg. Mrs. Sullivan starrt entsetzt zur Bühne.
Einer nach dem anderen sinken die Menschen zu Boden. Dann beginnt auch die Wache zu sterben.
Callahan spürt, wie sich seine Brust zusammenzieht. Er will sich wehren, doch seine Kraft bedeutet nichts. Um ihn herum sterben seine Freunde. Das hier ist kein Angriff, den man mit Fäusten oder Mut aufhalten kann.
Dann versteht er.
Die Toten der vergangenen Woche. Die unerklärlichen Todesfälle. Die Angst, die sich wie Nebel über Payne City gelegt hat. Es waren keine zufälligen Tragödien. Sie waren die Folgen einer Macht, die niemand von ihnen erkannt hat.
Auf der Bühne singt Martha weiter. Ihr Gesicht ist verzerrt von Zorn und einem Hunger, der älter scheint als sie selbst.
Eine Banshee.
Der Hoodiemann hat es gewusst. Der taubstumme junge Mann hat hinter Marthas Fassade geblickt und ihr Geheimnis erkannt. Deshalb hat sie ihn bekämpft. Deshalb hat sie ihn im Washboard angeschossen.
Die Nachbarschaftswache hat den Falschen gejagt. Nun sterben sie alle für ihren Irrtum.

Die Vision zerreißt.
Callahan blinzelt. Seine Faust bewegt sich weiter durch die Luft, der Schlag noch immer auf den Hoodiemann gerichtet. Ein Wimpernschlag, mehr ist nicht vergangen. Der Vorhang raschelt. Aus dem Saal brandet Applaus auf. Martha steht im Scheinwerferlicht. Das Publikum ahnt nichts.
Doch Callahan hat die Toten gesehen. Er hat gespürt, wie ihm die Luft aus der Brust gepresst wurde. Er weiß, dass es wieder geschehen kann.
Sein Blick trifft den des Hoodiemanns. Zum ersten Mal sieht er in dem jungen Mann keinen Gegner, sondern jemanden, der womöglich als Einziger verstanden hat, womit sie es zu tun haben.
Callahan reißt seine Faust zurück. Für einen kurzen Moment stehen sie einander gegenüber, zwei Männer, die eben noch auf entgegengesetzten Seiten gestanden haben. Dann senkt Callahan die Hände. Er muss nichts sagen. Der Blick des jungen Mannes genügt.
Hinter der Bühne tritt Ricardo aus dem Schatten des Vorhangs. Sein Blick wandert von Callahan zum Hoodiemann und weiter zur Bühne. Er versteht. Auch Jonny hat die Garderobe verlassen. Mrs. Sullivan folgt ihm, das Gesicht kreidebleich. Sie kann noch immer kaum glauben, was sie gesehen hat. Die Frau, für die sie gebetet und die sie beschützt hat, könnte für den Tod all dieser Menschen verantwortlich sein.
Ian und Andy lösen sich von der Bar. Oben auf den Rängen senkt Callum seine Kamera. Zum ersten Mal an diesem Abend sucht er nicht nach einem Bild, sondern nach einem Ausweg.
Niemand hat Zeit, einen Plan zu schmieden. Sie müssen handeln. Jetzt.
Auf der Bühne hebt Martha den Kopf. Ihr Lächeln wirkt warm, beinahe dankbar. Sie blickt über das Publikum, das ihr entgegenjubelt, und legt eine Hand an die Brust. Dann schließt sie die Augen.
Für einen Augenblick sieht sie aus wie eine Frau, die sich ganz ihrer Musik hingibt.
Martha öffnet den Mund und holt Luft. Triumphierend setzt sie zum ersten Ton ihres tödlichen Gesangs an.
