Das letzte, markerschütternde Klagelied ist verstummt, doch die Stille, die auf das Chaos im Konzerthaus folgt, wiegt schwerer als jeder Lärm. In der Luft hängt noch immer der scharfe Geruch von Ozon, geschmolzenem Stahl und verbranntem Samt – das physische Echo jenes Augenblicks, in dem eure weltlichen Hüllen zerbrachen und etwas Uraltes, Gewaltiges in euch die Augen aufschlug.
Vor euren Augen beginnt die Stadt bereits damit, ihre Wunden zu lecken und die Wahrheit unter einem grauen Leichentuch zu begraben.
Der Nebel kriecht durch die geborstenen Fensterfronten, sickert aus den Lüftungsschächten und legt sich wie ein gnädiges, aber unerbittliches Vergessen über die Verwüstung im Saal.
Ihr seht mit euren neu erwachten Sinnen zu, wie die Realität der Schläfer sich selbst repariert: Benommene Konzertgäste im zerrissenen Abendkleid richten sich hustend auf und murmeln bereits wirre Erklärungen über eine katastrophale Explosion der Soundanlage, über defekte Gasleitungen, billige Pyrotechnik oder eine plötzliche Massenpanik durch einen Kurzschluss.
Wo eben noch göttliches Titanenfeuer loderte, kosmische Tänze die Luft zerrissen und das Heulen eines uralten Todesgeistes den Raum sprengte, sehen die Sanitäter und Streifenpolizisten nur noch verbogene Scheinwerferbrücken und zersplitterte Kristallleuchter.
Selbst Officer Matt Quinn, der sich draußen im flackernden Blaulicht den Staub von der Uniform klopft, schreibt bereits den Bericht über einen tragischen technischen Defekt bei einer großen Jazz-Gala. Auf der Bühne kauert das, was von Martha Ellis übrig geblieben ist.
Die stolze Diva, „Downtowns gefühlvollste Stimme“, existiert nicht mehr. Ihr Mythos hat sie nicht länger nur als Gefäß benutzt – die Banshee hat sie im Moment ihres letzten, verzweifelten Schwanengesangs vollends verschlungen und ausgebrannt.
Als Sanitäter sie auf eine Trage schnallen, blicken ihre Augen leer und geisterhaft ins Nichts, während aus ihrer Kehle nur noch ein heiseres, endloses Wimmern dringt, das kein gewöhnliches Ohr mehr als Lied erkennen würde.
Am Rande des abgesperrten Bereichs steht Officer Chaavi Das im strömenden Regen. Während ihr Partner Quinn die Zeugenaussagen der verwirrten Gäste aufnimmt, kreuzen sich ihre Blicke mit den euren. In ihren Augen liegt kein Vergessen; anders als ihr Partner durchschaut sie das Trugbild des Nebels ebenso klar wie ihr.
Mit versteinertem Gesicht blickt sie dem Krankenwagen nach, dessen Sirene in der regennassen Nacht aufheult. Chaavi weiß genau, wohin diese Fahrt für eine Frau führt, die ihren Verstand an eine solche Macht verloren hat: nicht in ein gewöhnliches Gefängnis, sondern hinter die dicken, isolierten Mauern des Municipal Institute for the Criminally Insane. Und Chaavi ahnt mit kalter, düsterer Gewissheit, was Martha dort erwartet – dass man eine wie sie in den sterilen Gängen dieser Anstalt nicht einfach nur wegsperren oder heilen wird.
Chaavi tritt einen Schritt auf euch zu, das rote und blaue Licht der Einsatzfahrzeuge spiegelt sich in den Pfützen zu ihren Füßen. Sie nickt euch kaum merklich zu – eine stumme Anerkennung unter Sehenden an der Schwelle zu einer neuen Existenz.
Für euch gibt es keinen Weg zurück in den Schlaf. Morgen früh werdet ihr vielleicht wieder den Zapfhahn im Skunk bedienen, durch den Rückspiegel eines Taxis blicken, im Boxring stehen oder durch die Gassen des Irish Quarters ziehen.
Doch die Welt der Schläfer ist für euch nur noch eine hauchdünne, brüchige Fassade aus Glas. Tief in euch pulsiert das Feuer eurer Legenden, und als ihr in die neblige Nacht von Payne City hinaustretet, spürt ihr zum ersten Mal, dass die Dunkelheit zwischen den Wolkenkratzern zurückstarrt.
