Callahans Tagebuch: Die Nachbarschaftswache

Notizen – Nicht für fremde Augen

Ein guter Trainer lernt in der ersten Runde mehr über einen Menschen als manche in zehn Jahren. Über das, was passiert, wenn er getroffen wird. Deshalb beobachte ich Leute. Die Nachbarschaftswache ist kein Boxverein. Vielleicht wäre manches einfacher, wenn sie einer wäre.

Andy McHollow hält sich für den hübschesten Kerl diesseits des Atlantiks. Wenn irgendwo eine Frau vorbeiläuft, richtet der Junge erst die Haare und dann den Kragen. Ich habe ihm mal gesagt, Eitelkeit gewinnt keine Kämpfe. Er hat aner nur gelacht. Dabei ist Andy besser, als er selbst glaubt. Er spielt den Clown, weil Verantwortung schwer aussieht. Wenn’s ernst wird, stellt er sich aber dazwischen. Das machen nicht viele. Reden ist leicht. Stehenbleiben nicht. Er muss nur lernen, dass nicht jede Auseinandersetzung mit einem flotten Spruch endet.

Ian McCullen ist wie ein alter Schraubstock. Etwas eingerostet vielleicht, aber wenn er einmal zupackt, bewegt sich nichts mehr. Der Mann redet wenig. Vielleicht zu wenig. Wer alles in sich hineinfrisst, platzt irgendwann. Ich habe genug Boxer gesehen, die den entscheidenden Schlag kassiert haben, weil sie nie gesagt haben, dass sie müde sind. Aber wenn Ian zusagt, erscheint er. Heute ist das schon fast eine außergewöhnliche Eigenschaft.

Jeremy ist der Junge, bei dem ich nie weiß, ob ich ihm den Kopf waschen oder einen Kaffee ausgeben soll. Er schläft mal hier, mal dort. Taucht wochenlang unter und steht plötzlich wieder vor einem, als wäre nichts gewesen. Mit der Gitarre auf dem Rücken und irgendeiner Geschichte über den Mottenmann. Ich glaube keinen Moment an den Quatsch. Aber ich weiß, Jeremy glaubt daran. Das ist der Unterschied. Er hat Talent dafür, Menschen zuzuhören. Leider hört er genauso aufmerksam den falschen Leuten zu. Irgendwann wird er entscheiden müssen, welchen Stimmen er folgt.

Ricardo Montoya bringt Unruhe in jeden Raum, ohne dass er es darauf anlegt. Er redet mit den Händen. Lacht laut. Tanzt manchmal mehr, als er geht. Wenn Musik läuft, wippt bei ihm irgendetwas im Takt, selbst wenn er stillsteht. Ich musste mich erst an Ricardos „Anderssein“ gewöhnen. Als ich jung war, hat’s das nicht gegeben. So bin ich eben groß geworden. In meiner Welt gab es Männer wie meinen Vater, die in der Fabrik schufteten, abends ein Bier tranken oder ein Bier zu viel und über so etwas nicht gesprochen wurde. Wenn doch, dann nie freundlich. Man schleppt mehr aus seiner Kindheit mit sich herum, als einem lieb ist. Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich innerlich noch zusammenzucke. Nicht wegen Ricardo. Wegen der alten Stimme im Hinterkopf, die sagt: Das ist nicht normal. Dann sehe ich wie Ricardo jemanden geduldig einen Tanzschritt erklärt. Oder ich sehe ihn einem Fremden helfen, ohne zu überlegen, ob sich das für ihn lohnt. Dann frage ich mich, welche Stimme ich lieber hören sollte. Die eines verbitterten Mannes, der seit dreißig Jahren unter der Erde liegt. Oder meine eigene. Ich werde in meinem Alter kein anderer Mensch mehr. Aber vielleicht muss ich das auch gar nicht sein. Vielleicht reicht es, gerecht zu bleiben. Ricardo geht mir manchmal mit seiner überschäumenden Art auf die Nerven. Er redet mehr in zehn Minuten als Ian in zwei Wochen. Und wenn er anfängt, mir erklären zu wollen, warum Tanzen und Boxen gar nicht so verschieden seien, muss ich mir das Grinsen verkneifen. Verdammt. Vielleicht hat er sogar recht. Ordentliche Beinarbeit gewinnt schließlich Kämpfe.

Laoghaire Sullivan ist vermutlich der einzige Mensch hier, vor dem selbst Andy für fünf Minuten den Mund hält. Fünf Kinder. Kirche. Organisation. Ich weiß nicht, wann die Frau schläft. Sie kann streng sein. Manchmal sogar ein bisschen zu überzeugt davon, dass jeder vernünftig sein möchte. Das ist ein Irrtum. Manche Leute wollen Chaos. Manche brauchen es sogar. Trotzdem hält sie den Laden zusammen, ohne dass es jemand merkt. Das können nur Mütter. Oder Feldwebel. Bei ihr bin ich bis heute nicht sicher.

Und ich? Ein altes Knie, das lauter knackt als manche Haustür. Ein Sack voller Narben und zu viele Beerdigungen erlebt. Ich trainiere die Jungen nicht, damit sie besser zuschlagen können. Ich trainiere sie, damit sie irgendwann merken, dass der beste Kampf der ist, den man gar nicht führen muss. Die meisten glauben, Boxen sei Gewalt. Die meisten haben nie einen guten Trainer gehabt. Vielleicht gilt das auch für diese Stadt.

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