Callahans Tagebuch 3. Eintrag

Ich weiß nicht, was ich von der ganzen Sache halten soll.

Seit wir im Washboard angekommen sind, passt irgendwie nichts zusammen. Ein Mann liegt tot in einer Hintergasse, und trotzdem fühlt es sich nicht wie ein gewöhnlicher Mord an. Es fühlt sich überhaupt nicht wie ein Mord an, eher wie ein unglücklicher Zufall. Zu viele Zufälle. Zu viele Leute, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Im Boxen gibt es einen Moment, in dem du merkst, dass dein Gegner etwas vorhat. Noch bevor der Schlag kommt. Eine kleine Bewegung. Eine Gewichtsverlagerung. Irgendetwas stimmt nicht. Wenn du das Gefühl ignorierst, kassierst du den Treffer.

Genau so fühlt sich das hier an.

Darryl oder Darren oder wie der Typ heißt, ist einfach zusammengebrochen. Einfach so. Erst dieses Gespräch mit diesem zwielichtigen Kerl – und kurz darauf geht er zu Boden. Vielleicht war es ein Herzinfarkt. Vielleicht auch nicht. Aber wenn es einer war, warum hat dann jeder – vor allem die Polizei! – sofort von Mord gesprochen?

Dann ist da noch Martha Ellis.

Ich habe sie letztens nach Hause begleitet. Sie war völlig aufgelöst. Kurz vor dem technischen KO würd‘ ich sagen. Nicht einfach nur verängstigt… Nein, wirklich überzeugt davon, dass sie das nächste Opfer sein wird. Als würde sie nur auf den nächsten Schlag warten.

Wenn man sich ihre Garderobe ansieht, wird dieses Gefühl nicht gerade besser.

Diese seltsamen geschwärzten Zeitungsartikel. Geschichten aus ihrer Vergangenheit, bei denen sie offensichtlich bestimmte Teile lieber verschwinden lassen will. Dazu diese leeren Alkoholfläschchen in ihrem Abfall.

Das ist natürlich kein Beweis für irgendetwas. Aber im Boxen zählen auch nicht nur die Schläge, die Du kommen siehst. Du musst darauf achten, was dein Gegner unbedingt verbergen will.

Vielleicht versucht Martha auch einfach nur etwas zu verdrängen? Vielleicht hat sie einfach Angst. Vielleicht weiß sie aber auch mehr, als sie sagt. Wann hat sie eigentlich mit dem Trinken angefangen? Vor oder nach dem „Mord“?

Ich hoffe jedenfalls, dass Johnny, Andy und Ian eine Möglichkeit gefunden haben, sich diese Garderobe genauer anzusehen, ohne dabei irgendwelchen Blödsinn zu machen.

Aber wenn ich die drei richtig einschätze, ist das ungefähr so, als würde ich einem Anfänger sagen, er soll zwölf Runden gegen Mike bestehen und darauf vertrauen, dass er schon irgendwie die Deckung oben behalten wird.

Vielleicht ist das alles nur eine Reihe unglücklicher Zufälle und vielleicht sehe ich schon Gespenster. So wie diese lächerliche Zeitung, die behauptet das Monster aus der Kanalisation wäre an all dem schuld.

Irgendetwas sagt mir, dass wir noch lange nicht die ganze Geschichte kennen.

Wenn ich eines gelernt habe, dann das: Im Ring gewinnst du nicht in der ersten Runde. Du brauchst Durchhaltevermögen.

Deswegen heißt es jetzt erst einmal: Kopf runter, Deckung hoch und keine voreiligen Schläge. Wir müssen herausfinden, mit wem Darryl gesprochen hat und was in den Stunden vor seinem Zusammenbruch passiert ist. Marthas Garderobe sollte gründlich untersucht werden – jedes Stück Papier, jede Flasche, jedes Detail. Und vor allem sollten wir endlich herausfinden, wer dieser zwielichtige Kerl mit dem Tattoo war.

Keine Alleingänge. Erst Informationen sammeln, dann zuschlagen. Im Moment kämpfen wir noch gegen einen Gegner, dessen Gesicht wir nicht kennen.

Ich glaube wir sollten unsere nächsten Schritte unbedingt bei einem guten Glas Whiskey im Hinterzimmer im Skunk besprechen… Achja, richtig. Im Skunk. Dann eben kein guter Whiskey.

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